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Ketzer des Tages: Jean Wyllys

Ungeniert lebt er in Sünde. Dabei sollte er Vorbild sein, sitzt im Parlament, wenn auch gewählt im sittenlosen Rio de Janeiro. Nichts ist dem Mann heilig, nicht mal die Heilige Schrift.

Der Beweis findet sich schwarz auf weiß im Internet. Seit einem Jahr macht dort sein Anliegen die Runde, sich per Gesetz am Buch der Bücher zu vergreifen. Die Abgeordneten in Brasília, heißt es, will er dafür erwärmen, die Bibel um Textstellen zu bereinigen, die als homophob gelten könnten. Ein Expertengremium soll hierzu Vorschläge erarbeiten. Das Wort Gottes verfälschen, nur damit sich jene am anderen Ufer auf der richtigen Seite wähnen können? Wie weit will es dieser Jean Wyllys von der Partei Sozialismus und Freiheit (PSOL) noch treiben?

Gegen solchen Frevel muss auch irdische Macht aktiv werden – dachten sich Stadtverordnete in Feira de Santana, der zweitgrößten Metropole des nordöstlichen Bundesstaates Bahia. Im Hinterland gelegen, Aufreger gelangen dort immer mit etwas Verspätung an. Den Gesetzesvorschlag von Wyllys wollten die Herren dieser Tage förmlich missbilligen. Ein halbes Dutzend Volksvertreter stieg aufs Podium des Stadtparlaments und wetterte. Mit erhobenem Zeigefinger vorneweg der Evangelikale Edvaldo Lima: Wyllys hasse die Christen, sei ein „Taliban in Brasilien“. Der Glaube habe auch schon Homos geheilt, und Gottes Zorn sei nicht ohne.

Die Erklärung aus Feira de Santana aber fiel unter den Tisch. Zum einen sprach sich herum, dass Brasiliens Parlament gar kein Copyright an der Heiligen Schrift besitzt. Zum anderen, dass Wyllys Projekt das einer Satireseite ist. Auch Bibelfreunde sollten eben nicht alles glauben. Bittere Realität hingegen sind wachsender religiöser Fundamentalismus, anhaltende Diskriminierung und Gewalt gegen nicht heterosexuelle Menschen, für deren Rechte Wyllys als Abgeordneter kämpft.

Von Peter Steiniger, erschienen in: junge Welt vom 06.07.2016, S. 8, Link

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