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Viel Geld im Spiel

Die beiden weltweit größten Sportereignisse 2014 und 2016 in Brasilien kennen bereits heute viele Verlierer. Ende Mai legte das „Volkskomitee der Fußball-WM und der Olympischen Spiele von Rio de Janeiro“ (Comitê Popular da Copa), zum zweiten Mal einen Bericht mit dem Titel „Megavents und Verletzungen der Menschenrechte“ in der Metropole am Atlantik vor.

Der Ort, an dem WM und zwei Jahre darauf Olympische Sommerspiele stattfinden, wird mit Hochdruck fit gemacht für die Großereignisse. Das traditionsreiche Maracanã-Stadion präsentiert sich nun als Eventarena für die Mittelklasse. Mit öffentlichen Mitteln umgebaut (umgerechnet rund 275 Millionen Euro), soll es an einen privaten Investor gehen.

Nicht nur rund um den Zuckerhut wird geklotzt: Das südamerikanische Riesenland investiert etwa drei Milliarden Euro in moderne Fußballstadien und die zugehörige Infrastruktur. Zusammengenommen haben die Bauten und Maßnahmen im Zusammenhang mit der Fußball-WM der Männer und Olympia das stolze Volumen von 14 Milliarden Euro. Die beiden globalen Events passen gut zum Selbstbild eines modernen Brasiliens und versprechen dem wirtschaftlich aufstrebenden Schwellenland nicht nur sportlich weiteren Prestigegewinn. Seine nach wie vor gewaltigen sozialen Aufgaben drohen dabei allerdings aus dem Blick zu geraten.

Damit dies nicht geschieht, gründeten Aktivisten seit 2009 in den betroffenen Städten, darunter die zwölf Austragungsorte der WM, sogenannte Volkskomitees. Vorbild ist die Bürgerinitiative, die sich in Rio de Janeiro bereits 2007 im Zusammenhang mit der gewaltsamen Umsiedlung ärmerer Einwohner aufgrund der Panamerikanischen Spiele formierte. Die Komitees setzen zur Koordinierung und für ihre Abstimmung und Öffentlichkeitsarbeit stark auf das Internet und dessen „soziale Netzwerke“.

DownloadIn seinem Dossier listet das Volkskomitee von Rio die Verletzung von sozialen und Menschenrechten in acht Bereichen auf. Untersucht werden die Auswirkungen auf Wohnen und Arbeit, auf Mobilität, Umwelt und Sport, auf dem Gebiet der öffentlichen Sicherheit sowie in bezug auf Transparenz und die Verwendung finanzieller Mittel. Die Kosten der Großprojekte schießen nach oben, prekäre Beschäftigung auf den Baustellen ist die Regel. Neue Verkehrsbauten dienen mehr der touristischen Infrastruktur als der Bevölkerung. Besonders brisant ist die Verdrängung und Vertreibung von Menschen, deren Wohnorte von Infrastrukturmaßnahmen betroffen sind. Häufig handelt es sich dabei um die Behausungen der Ärmeren in den Favelas. Etwa 3000 Familien in Rio verloren im Zusammenhang mit WM und Olympia bereits ihr Zuhause, insgesamt wird mit 11000 betroffenen Familien gerechnet. Die Zwangsumzüge erfolgen häufig ohne vorherige Information der Betroffenen, die Entschädigungen sind gering. Eine neue Bleibe findet sich meist nur an der städtischen Peripherie, mit schlechter Verkehrsanbindung und geringeren Chancen auf Arbeit. Die Aufwertung von Wohngebieten heizt gleichzeitig die Immobilienspekulation an. Landesweit sind laut Schätzungen, die auf Untersuchungen in den Ballungszentren Belo Horizonte, Curitiba, Fortaleza, Porto Alegre, Recife, Rio de Janeiro und São Paulo beruhen, sogar bis zu 170000 Menschen von Verdrängung betroffen.

Zur Realisierung der Sportereignisse wurden eigene Gesetze erlassen. Das Organisationskomitee der Olympischen Sommerspiele von Rio 2016 ließ sich 2009 so den Ausgleich eventueller finanzieller Defizite der Veranstaltung garantieren. Der nicht weniger mafiöse Weltfußballverband FIFA diktierte dem WM-Gastgeberland 2014 bei dem im Mai 2012 ratifizierten Rahmengesetz „Lei Geral de Copa“ seine Bedingungen. Öffentliche Interessen und die Rechte der Bürger werden darin den Profitbestrebungen der Schweizer Fußball-Vermarkter untergeordnet. FIFA und WM-Sponsoren sind von Steuern befreit. Der Verbraucherschutz und Umweltauflagen, die örtliche Freizügigkeit und die Übertragungsrechte der Medien werden eingeschränkt, die Schadenshaftung auf den brasilianischen Staat übertragen. Bannmeilen in einem Radius von etwa zwei Kilometern um die Stadien und ein rigider Markenschutz sollen informelle Händler vom Geschäft mit der „Copa“ fernhalten. Überwachungsmaßnahmen und soziale Kontrollen werden ausgebaut, während der WM und Olympischen Spiele können die Streitkräfte zur Aufrechterhaltung als militärisch-polizeiliche Ordnungsmacht im Innern eingesetzt werden.

Die Volkskomitees im Internet: Portal Popular da Copa e Olimpíadas

Von Peter Steiniger. Quelle: Tageszeitung junge Welt, 05.06.2013, Nr. 127, S.9, Link

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