Von schlechter Presse hat die einzige Tageszeitung aus Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt genug. Zum 30. Juni müssen die drei in der Weiterverarbeitung des Druckzentrums der Kieler Nachrichten tätigen Personaldienstleister der „Tabel-Gruppe“ einpacken. Deren Leiharbeiter wehrten sich über Monate öffentlichkeitswirksam gegen Niedriglöhne und Willkür. Als geringfügig Beschäftigte, Hartz-IV-Aufstocker und Zuverdiener werden sie mit einem Stundenlohn von 6,14 Euro abgespeist. Das von Rüdiger Tabel aus dem niedersächsischen Laatzen gesteuerte Unternehmen hatte bereits Ende Januar seinen 389 Beschäftigten bei den KN wegen Betriebsstillegung zur Jahresmitte gekündigt.
Zum 1. Juli 2010 übernehmen die Firmen Stark und Mahnsen sowie die TMI Service GmbH aus Ahrensburg, an die das größte Tortenstück geht. Die „Produktionshilfen“, die beim Einlegen von Beilagen, der Verpackung und dem Versand der Druckerzeugnisse Hand anlegen, erfuhren diese Neuigkeit Ende April aus der Zeitung, die gerade von ihren Bändern lief. „Klare Verhältnisse im Druckzentrum Moorsee“ sollen zehn Jahre nach dem Outsourcing der Weiterverarbeitung einziehen. Man sei froh, „durchaus vorhandene Probleme“ zu lösen, läßt sich KN-Geschäftsführer Christian Heinrich im eigenen Blatt zitieren.
Erst im Februar hatte ver.di erstmals bei Tabel eine Betriebsratswahl zum Erfolg geführt. Diese Innovation schmeckte der Geschäftsführung überhaupt nicht. Heinrich dementiert, daß man die Gründung eines Betriebsrates zum Anlaß für die Trennung von Tabel genommen habe. Ein solcher sei „als Betriebspartner unverzichtbar“ – solange er nicht politisch „für außerhalb der Unternehmen liegende Ziele“ instrumentalisiert werde.
Obwohl ihre Tage als Betriebsrat gezählt sein könnten, legt die Truppe um den Vorsitzenden Marcus Peyn nicht die Hände in den Schoß. Zäh ringt sie um einen Sozialplan für jene Mitarbeiter, die nicht neu angestellt werden. „Viele waren über Jahre bei den KN tätig. Tabel will sie mit lächerlichen Beträgen abspeisen und droht andernfalls mit Insolvenz.“
Die nun durch die Kieler Zeitung GmbH & Co. Offsetdruck KG abgeschlossenen Verträge regeln auch Eckdaten zu Löhnen und Anstellungsverhältnissen. Der Basis-Stundenlohn liegt dann bei 7,60 Euro. Mit Zuschlägen können 9,50 bis 11,40 Euro herausspringen. Damit läge man über dem in anderen Branchen diskutierten Mindestlohn von 7,50 Euro, loben sich die KN selbst. Daß dies deutlich unter dem bleibt, was nach Tarif beispielsweise Produktionshelfern in der Druckindustrie zusteht, sagen sie nicht. Für Heino Stüve, dem Mann bei ver.di in Kiel für Druck und Papier, ist „nicht das Traumziel erreicht“, er sieht aber „große Schritte in die richtige Richtung“. Dazu zählt auch ein Stufenplan von KN-Chefredakteur Jürgen Heinemann, den Basislohn binnen zweier Jahre auf 8,50 Euro anzuheben.
„Keine ehemaligen Tabel-Mitarbeiter buchen“, ließ die TMI Service GmbH in einer internen Stellenanzeige die Arbeitsagentur wissen. Mit verschleierten Betriebsübergängen könnte der Betriebsrat leichter entsorgt werden. Bereits ab Juni wollen sich die neuen Firmen mit ihren Leuten im Druckzentrum einarbeiten. „Aus Angst, daß unbequeme Altbeschäftigte noch Streß machen“, kommentiert Peyn. Spürbar ist aber auch, wie die Konkurrenz um Arbeitsplätze bei den Tabel-Nachfolgern die Belegschaft auseinander dividiert. Das Prinzip Teile und Herrsche sorgt auch in Kiel für klare Verhältnisse.
Von Peter Steiniger, erschienen in: junge Welt vom 21.05.2010, S. 4, Link