Zum Inhalt springen

Skål auf die Fledermaus?

Mit einem Milliardendeal möchte Rum-Produzent Bacardi auch ins profi­table Wodkageschäft einsteigen. Der schwedischen Regierung flatterte jetzt eine Interessenbekundung der Fledermausmarke für den staatlichen schwedischen Spirituosenhersteller Vin & Sprit AB (V&S) ins Haus. Das Unternehmen ist Hersteller der Qualitätsmarke Absolut Vodka.

Das Produkt macht den absoluten Löwenanteil am Umsatz von V&S aus. Das hochprozentige Getränk hatte mit einem modernen Marketingkonzept in den letzten Jahren auf dem europäischen und amerikanischen Markt kräftig expandiert und nimmt den dritten Rang bei den weltweit meistverkauften Schnapssorten ein. Der Jahresabschluß von Vin & Sprit für 2006 verzeichnete vor allem dank dem Absolutwodka wieder ein kräftiges Umsatzplus und lag insgesamt bei umgerechnet etwa 1,1 Milliarden Euro. Der Konzerngewinn nach Steuern betrug 170 Millionen Euro, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Marktanalysten taxieren den Verkaufspreis von Vin & Sprit auf 40 Milliarden Schwedische Kronen, das entspricht etwa 4,3 Milliarden Euro.

Globaler Exporteur

Vin & Sprit wurde 1917 als nationales Monopolunternehmen für die Herstellung, die Ein- und Ausfuhr und den Vertrieb von Alkoholika in Schweden gegründet. Es beschäftigt heute weltweit rund 2500 Mitarbeiter. Seine Produkte werden in 125 Ländern vertrieben. Außerhalb Schwedens unterhält das Unternehmen Niederlassungen in sieben europäischen Ländern sowie in den USA und Hongkong. Nur drei Prozent der Produktion sind für den heimatlichen Markt bestimmt, der große Rest für den Export. Absolut Vodka wird bereits seit 1879 im südschwedischen Åhus hergestellt und entwickelte sich zu einer Ikone des Landes – trotz der traditionell restriktiven schwedischen Alkoholpolitik. Der Staat verdient gut an dem Destillat aus Weizen und Quellwasser. Im Inland wird es – wie alle alkoholhaltigen Getränke über 3,5 Prozent – im Einzelhandel über den staatlichen Monopolisten Systembolaget vertrieben.

Im letzten HeSchweden: Bacardi-Konzern möchte Kult-Marke Absolut Vodka aufkaufenrbst hatte die neue bürgerliche Regierung unter Premierminister Fredrik Reinfeldt beschlossen, ein paar schöne Stücke aus dem „Tafelsilber“ des Königreichs ganz oder teilweise zu privatisieren. Neben V&S sollen auch die Immobiliengesellschaft Vasakronan AB sowie die Hypothekenbank SBAB veräußert werden; des weiteren die Bankengruppe Nordea, der Börsenbetreiber OMX und die Telefongesellschaft TeliaSonera, an denen der schwedische Staat Minderheitsbeteiligungen hält. Das Kabinett brachte hierfür nun eine Gesetzesvorlage in den schwedischen Reichstag ein, dessen Zustimmung zu den Plänen erforderlich ist. Da die Wirtschaftslage gut und die Staatskassen gefüllt sind, geht es weniger um eine Konsolidierung der öffentlichen Haushalte, dafür umso mehr um marktliberale Prinzipien. Der Staat soll sich aus der Wirtschaft weiter zurückziehen. Dafür werden profitable Wirtschaftsbereiche dem privaten Kapital zugeführt. Insgesamt sollen durch die Verkäufe 16 Milliarden Euro erlöst werden. Eine Mehrheit der Schweden steht nach Umfragen diesen Plänen ablehnend gegenüber.

Pikante Konkurrenz

Das exkubanische Familienclan-Unternehmen Bacardi – alle 500 Aktionäre stammen aus dem Bacardi-Geschlecht – vertreibt den gleichnamigen Rum mit dem Blutsaugertierchen im Wappen. Es ist die meistverkaufte Spirituose der Welt. Nach der Revolution von der Castro-Regierung entschädigungslos enteignet, wurde durch die Barcadis ein neuer Firmensitz auf den Bermudas gegründet. Sie betreiben seit Jahrzehnten antikommunistische Propaganda und unterstützen exilkubanische Gruppen, die eine Restauration kapitalistischer Verhältnisse auf der Karibikinsel anstreben. Die Rum-Dynastie soll an Mordplänen gegen Fidel Castro mitgewirkt haben und in terroristische Anschläge auf Kuba verwickelt gewesen sein. Auch das verschärfte Handelsembargo, der Helms-Burton-Act von 1996, mit dem die USA Kuba wirtschaftlich zu erdrosseln versuchen, kam mit massiver Einflußnahme von Bacardi zustande.

Seine Kaufabsicht offiziell erklärt hat auch der Wein- und Spirituosenkonzern Pernod-Ricard. Eine pikante Konkurrenz, vertreibt doch das französische Unternehmen den echten kubanischen Rum, Havana Club. Der weltweit zweitgrößte Alkoholgigant hat neben den wichtigsten Whisky-Marken auch den russischen Spitzenwodka Stolichnaya im Programm. Auch der amerikanische Spirituosenkonzern Fortune Brands, der unter anderem die Whiskymarke Jim Beam führt, gilt als möglicher Mitbewerber. Brands ist bereits ein Vertriebspartner für Absolut.

Schwedens Finanzminister Mads Odell will die eingehenden Angebote zügig bewerten. Bis spätestens zum Herbst soll eine Entscheidung über Vin & Sprit fallen. Insgesamt sieht der Haushaltsentwurf für die beiden nächsten Jahre Privatisierungserlöse von jeweils rund 5,5 Mrd. Euro vor. Zielstellung ist ein langfristiges Haushaltsplus von jährlich zwei Prozent, das auch mit einem Rückzug des Staates erkauft werden soll. Um diesen Prozeß zügig voranzutreiben, engagierte die Regierung Top-Bankerin Karin Forseke, die früher an der Spitze der größten nordischen Investmentbank Carnegie stand. Mit Hand anlegen bei der Unterminierung der wirtschaftlichen Basis des nordischen Wohlfahrtssystems werden neben Carnegie weitere einheimische und internationale Privatbanken wie Enskilda, Handelsbanken, Deutsche Bank, Goldman Sachs, Merrill Lynch, Morgan Stanley, UBS und JP Morgan. Die schwedische Regierung schloß hierzu mit ihnen einen Rahmenvertrag ab.

Infos zur Kampagne Boykottiert Bacardi: www.cubasi.de

Von Peter Steiniger. Quelle: https://www.jungewelt.de/2007/03-12/026.php

Kommentar verfassen