Am Sonntag herrschte in Rio de Janeiro keineswegs Badewetter, es war trüb und regnerisch. Und doch zog es Tausende an die Copacabana. Die Massen ergossen sich über beide Fahrseiten der breiten Uferstraße Avenida Atlantica und weite Teile des berühmten Strandes der brasilianischen Metropole.
150.000 kamen, um der politischen Forderung „Diretas já!“ (Wahlen jetzt!) nach der sofortigen Ansetzung einer Direktwahl eines neuen Staatschefs Nachdruck zu verleihen. Bis in den Abend hinein wechselten sich Musiker und Redner – Künstler, Intellektuelle, Politiker und Gewerkschafter – sieben Stunden lang auf der Bühne ab. Immer wieder war die Forderung nach einem Rücktritt von Präsident Michel Temer zu hören, begleitet von „Temer raus“-Sprechchören der Masse. Ein Plakat mit dem Konterfei des Staatschefs und der Aufschrift „Putschist“ schmückte das Podium.
Wichtige Namen der brasilianischen Kultur hatten sich zu diesem „Fest der Demokratie“ angekündigt. Zu den musikalischen Höhepunkten zählten die Auftritte von Stars wie der Sängerin und Gitarristin Maria Gadú oder der beiden Rapper Mano Brown und Criolo und nicht zuletzt der altbekannten Größen der Música Popular Brasileira, Caetano Veloso und Milton Nascimento. Vagner Freitas, Chef der größten Gewerkschaftszentrale CUT, kündigte einen weiteren Generalstreik für den Fall an, dass die antisozialen, sogenannten Reformen der Regierung im Parlament weiter forciert werden.
Das Event war Teil der Kampagne der linken und demokratischen Kräfte des Landes zur Mobilisierung der Bevölkerung gegen die Bestrebungen der Eliten, die Brasilianer von der Entscheidung über Temers Nachfolge auszuschließen. Bereits in den Massenkämpfen der Jahre 1983–84 unter der zivil-militärischen Diktatur, versuchte eine breite Bürgerbewegung, die Direktwahl des Präsident durchzusetzen. Erst mit der Verfassung von 1988 und den Präsidentschaftswahlen im darauffolgenden Jahr gelangte sie an ihr Ziel.
Nach Umfragen wünscht eine große Mehrheit der Brasilianer Neuwahlen als Ausgang aus der politischen Krise. Hierfür wäre jedoch eine Verfassungsänderung erforderlich. Andernfalls käme es nach Ablösung des Staatschefs zu einer indirekten Wahl, würde sein Nachfolger von der Politikerkaste ausgekungelt und durch den Nationalkongress bestimmt. Dessen Mitglieder sind zu einem großen Teil ebenso in dunkle Machenschaften verwickelt wie der Präsident, gegen den Untersuchungen wegen Beteiligung an organisierter Kriminalität laufen. Temer und sein Geldbote waren zuvor in eine Falle der Polizei gegangen. Die Globo-Leitmedien haben ihn bereits fallengelassen, doch Temer klammert sich ans Amt. Am Sonntag wechselte er den Justizminister aus, der auch die Bundespolizei beaufsichtigt.
Von Peter Steiniger. Veröffentlicht in: junge Welt, 30.05.2017, Seite 2, Link