Wie geil ist das denn? Sie haben es also doch getan. Nicht jede neue Erkenntnis wird so sensationell gehandelt wie diese: Der moderne Mensch hatte höchst intimen Umgang mit dem berühmt-berüchtigten Neandertaler. Daß das zum Steinzeitporno mutiert, ist einsehbar: Sex-Schlagzeilen ziehen beim „Homo sapiens“ stets den längeren. Daß es sich bei den vor 30000 Jahren ausgestorbenen Mitbewohnern in Europa und Westasien um engste Verwandte von biestiger Erscheinung handelt, gibt der Sache noch einen animalischen Tick.
Die Lehrmeinung, daß sich die beiden frühzeitlichen Menschen beim Flirt nicht viel zu sagen hatten, war schon lange ein Wackelkandidat. Immerhin 60000 Jahre lebten diese Hominidengruppen ja gewissermaßen Höhle an Höhle. Es ist nur urmenschlich, daß die wulstigen Muskelprotze um das einwandernde Sapiens-Frischfleisch nicht so lange eine Bogen machten. Und auch die dem Neandertaler nachgesagte geringere Intelligenz muß nicht zwingend abtörnent gewirkt haben, wie ein Blick auf heutige Sexidole zeigt.
Der „Homo neanderthalensis“ ist nicht einfach ausgestorben. Er wurde weggeliebt. Die aktuelle Genomstudie von Wissenschaftlern des Leipziger Max-Planck-Instituts in der US-Fachzeitschrift Science weist nach, daß sich Urmensch und moderner Mensch gekreuzt haben. Vor einem Jahr hatte man dort noch Stein und Bein behauptet: „No Sex with Homo Sapiens“. Die eigentliche Sensation liegt in der Bestätigung der bisher unbelegten Vermischungshypothese.
Ein bis vier Prozent unseres Genoms stammt vom Neandertaler, wurde ermittelt. Diese Einheiraterei dürfte seinem Prestige zwar gut tun. Dennoch könnte es beim Gentest bald heißen: „Mit Ihrem Neandertaleranteil würde ich es mal in der Türsteherszene probieren. Oder gehen Sie doch gleich zur Polizei!“ Ein Hinweis an alle Rassisten: Nicht „kontaminiert“ sind nur die Afrikaner.
Von Peter Steiniger. Quelle: https://www.jungewelt.de/2010/05-08/025.php