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Marsch der Hoffnung

Die rote Welle erreicht am vergangenen Dienstag den Plano Piloto, das futuristisch angelegte Zentrum der Hauptstadt Brasiliens im Landesinneren. Zurückgelegt hat sie 50 Kilometer in fünf Tagen. Als erstes vereinigen sich die Kolonne Ligas Camponesas und der Zug, der sich nach Tereza de Benguela, der schwarzen Anführerin des Freiheitskampfes entlaufener Sklaven und Indigener im 18. Jahrhundert, benannt hat. Wenig später strömt die Coluna Prestes dazu. So hieß auch die aufständische Bewegung, die vor mehr als 90 Jahren den Kampf gegen die Oligarchie aufnahm. Der Anführer, der „Ritter der Hoffnung“ Luís Carlos Prestes, stand später an der Spitze der KP Brasiliens. Der „Nationale Marsch Freiheit für Lula“ schreibt heute Geschichte.

Mehr als 5.000 sind zur Verteidigung der Demokratie mitmarschiert. Die „Bewegung der Landarbeiter ohne Boden“ (MST) hat sie auf die Straßen gebracht, andere Organisationen des sozialen Widerstands haben sich angeschlossen. In den Orten auf ihren Wegen halten die Aktivisten der drei Kolonnen Meetings ab, führen Debatten über die Krise des Landes. Lula verkörpert ihre Hoffnungen und Forderungen: Sie kämpfen für ein Leben in Würde, für Arbeit mit Rechten, für Boden, für ein Dach über dem Kopf und für Bildung. Sie wollen ein Brasilien, in dem die Rechte der Arbeitenden und die Armen nicht länger mit Füßen getreten werden.

Der 15. August ist der große Tag. Nun sind es Zehntausende, die vor dem Sitz der Obersten Wahlbehörde ein Meer aus roten Hemden und Fahnen bilden. Die Partei der Arbeiter (PT) registriert dort offiziell Luis Inácio Lula da Silva, seit April politischer Gefangener, als ihren Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im Oktober. Aus dem ganzen Land sind Menschen nach Brasília gekommen, um dem Nachdruck zu verleihen. „Lula ist unschuldig!“, „Lula Präsident!“, „Weg mit Temer!“ rufen sie. Sie alle hier sind Lulas Beine, Lulas Stimme. Viele tragen Masken mit dem Gesicht des linken Politikers. Dann steht es schwarz auf weiß: Lula ist Kandidat. Ein symbolischer Sieg in einer längst nicht gewonnenen Schlacht. Die nächste Etappe des Kampfes beginnt.

José Eduardo Bernardes ist Fotojournalist beim alternativen Medienprojekt Brasil de Fato

Von Peter Steiniger. Erschienen in junge Welt, Ausgabe vom 18.08.2018, Seite 4 / Wochenendbeilage, Link