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Krankheit als Regel

Sie machen sich unsichtbar. Die verwahrloste Frau mit den zwei Plastetüten ist die Ausnahme. Denn in der Regel „machen weibliche Obdachlose nicht Platte“, wie das Leben auf der Straße auch genannt wird, berichtet Rebecca Aust, Leiterin der Einrichtung „FrauenbeDacht“ im Berliner Stadtteil Wedding.

„FrauenbeDacht“ arbeitet eng mit den Sozialämtern zusammen, die für alle Maßnahmen der Unterbringung obdachloser Hartz-IV-Bezieher zuständig sind. Im Jahr 2010 wurden in Berlin 4160 Frauen in höherschwelligen Einrichtungen fest betreut. Typisch für Frauen ist eine „verdeckte Wohnungslosigkeit“. Das steht für Notlösungen wie das Unterkommen bei Verwandten und Bekannten – letzteres nicht selten mit Gewalt wie auch sexuellen „Gegenleistungen“ verbunden.

Das speziell Frauen vorbehaltene Wohnheim im Gartenhaus eines typischen Berliner Altbaus in der Weddinger Bornemannstraße verfügt derzeit über vierzig Einzel- sowie ein Kinderzimmer. Auf jeder der vier Etagen gibt es eine Gemeinschaftsküche. Eine Bewohnerin gestattet einen Blick in ihren gerade neu bezogenen Raum. Die Einrichtung ist einfach: Bett, Tisch und Stühle, ein geräumiger Schrank. Dazu, so ist es vorgeschrieben, ein eigener Kühlschrank und ein feuerfester Papierkorb. Die schlanke, fahrig wirkende Dame mit den kurzen grauen Haaren ist sichtbar froh über ihr neues Zuhause. Hier fühle sie sich geschützt. Das Fenster hat sie mit Stoff verhängt. So könne sie niemand beobachten, meint sie. Vor allem nicht Männer …

Während eine fehlende Bleibe, Armut und soziale Isolation bereits an sich traumatische Erfahrungen darstellen, sind weibliche Wohnungslose zusätzlich fast durchgehend Extremerfahrungen wie Mißbrauch und Vergewaltigung, Bedrohungen und Demütigungen ausgesetzt. Nicht selten über die gesamte Lebensspanne. „Es fällt diesen Frauen besonders schwer, Vertrauen zu fassen und ihre Scham zu überwinden“, unterstreicht Rebecca Aust. Zu den Ursachen für eine seit Jahren zu beobachtende Zunahme psychischer Krankheit unter Wohnungslosen zählen der Bettenabbau psychiatrischer Krankenhäuser, Jobverlust und eine Verschärfung sozialer Notlagen. Solche – Mietschulden etwa oder ungesicherte, unwürdige Wohnverhältnisse – speisen die Klientel des Frauenwohnhauses Wiener Straße der Caritas in Kreuzberg. Auch in dieser Gruppe sind Gewalterfahrungen und ihre Folgen verbreitet, weiß Mitarbeiterin Hella Korn zu berichten.

Fast durchgängig psychisch auffällig sind die Bewohnerinnen, welche „FrauenbeDacht“ durch die Bezirksämter zugewiesen werden. Von dort oder den Jobcentern kommt auch das Geld. Der – knapp bemessene – feste Kostensatz liegt derzeit bei 27,90 Euro pro Tag und Platz. Das Personal, neben Leiterin Aust drei weitere Sozialpädagoginnen und die Frauen der Nachtbereitschaft, ist durchgehend weiblich. Die Hausordnung gestattet weder Männerbesuche noch gemeinsamen Alkoholgenuß. Im Durchschnitt leben die Klientinnen zehn Monate in der Einrichtung, bis ihnen „geeignete Anschlußhilfen“ vermittelt werden können. Meist sind das Wohnungen von sozialen Trägern, Therapieplätze oder stationäre Aufenthalte in Kliniken. Nur im Idealfall ist es die eigene Wohnung. Für finanziell schwache Mieter, aber auch die Träger, wird es immer schwieriger, in Berlin noch an günstigen Wohnraum zu kommen.

Psychosen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen – besonders Verfolgungsängste – seien typische Krankheitsbilder, zählt Britta Köppen auf, seit Oktober 2009 als Inhouse-Psychologin bei „FrauenBedacht“ tätig. Sie bietet den Frauen – niedrigschwellig, vor Ort und ohne lange Wartezeiten – Beratung, Krisenintervention und Weitervermittlung in geeignete Therapien. Ihre befristete Stelle füllt eine Lücke im Hilfesystem. Ab Oktober reißt diese wieder auf. Denn ob und wann eine solche Hilfe von der Ausnahme zur Regelleistung wird, ist politisch noch nicht entschieden.

Von Elisa Brinai und Peter Steiniger. Veröffentlicht in: Tageszeitung junge Welt, 17.07.2012, Nr. 164, S.3, https://www.jungewelt.de/2012/07-17/001.php

 

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