So viele Freunde möchte man auch haben. Lob von allen Seiten begleitet den kommenden Generalsekretär der Vereinten Nationen auf dem Weg ins Amt, das er nach seiner Bestätigung per Akklamation durch die UN-Vollversammlung am Donnerstag zum 1. Januar 2017 antreten wird.
Die entscheidende Hürde hatte Guterres bereits eine Woche vorher genommen, als alle 15 Mitglieder des UN-Sicherheitsrates für ihn votierten. Er löst den Südkoreaner Ban Ki Moon ab, der zwei blasse Amtszeiten an der Spitze der Organisation von 193 Staaten absolvierte.
Ob der mopplige Portugiese am Ruder der UNO auch politisch schwergewichtiger ist als sein Vorgänger, muss sich noch zeigen. Guterres hatte sich gegen zwölf weitere Kandidaten durchgesetzt. Darunter waren auch sieben Frauen. Zum neunten Mal in Folge seit Gründung des Völkerbundnachfolgers 1945 fiel die Wahl auf einen Mann an der Spitze. Durchbrochen wurde dabei auch das inoffizielle Prinzip einer Rotation der Regionen, nach dem Bewerber aus Osteuropa favorisiert gewesen wären. Die instabile Lage und die hohe US-Satellitendichte in dieser Weltgegend dürften beim diplomatischen Tauziehen um das neue Gesicht an der Spitze der UN eine Rolle gespielt haben.
Nun ist es wieder ein Gesicht des Westens. Der polyglotte Guterres besitzt bei der UNO eine Hausmacht, kennt das Parkett des Hauptquartiers in New York, ihre Organe und Organisationen genau. Von 2005 bis 2015 leitete er das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, wo er sich als guter Manager hervorgetan haben soll. Die stetig steigende Zahl an Flüchtlingen vor Krieg, Elend und den Folgen klimatischer Veränderungen haben dieses Politikfeld und die karitativen Einsätze der Vereinten Nationen stärker ins Zentrum gerückt. Nicht die schlechteste Referenz für einen UN-Generalsekretär und nicht die schlechteste Wahl.
Dessen diplomatische und politische Spielräume bleiben auch künftig eng begrenzt. Die Vetomächte Russland und China können mit ihm leben. Dort sieht man Guterres zumindest nicht als Polarisierer. Ein Mann aus dem Lager von EU und NATO bleibt er dennoch. Seine Ankündigungen, den Kampf gegen „Terrorgruppen und gewalttätige Extremisten“ fördern zu wollen, sind in Zeiten, wo eben dieser den Geostrategen Kriegsvorwände liefert, durchaus zweischneidig. Dass die als Außenministerin überaus interventionsfreudige US-Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, Guterres als „Verteidiger der Menschenrechte“ preist, beruhigt da eher nicht.
In Portugal selbst wird der Aufstieg des früheren Premierministers von 1995 bis 2001 als diplomatischer Erfolg des kleinen iberischen Landes verkauft. Als großer Regierungschef ist der Mann vom rechten Flügel der Sozialisten (PS) nicht im Gedächtnis geblieben. Ökonomischer Abstieg und politische Grabenkämpfe führten zu seiner Demission, der bei Neuwahlen 2002 ein Rechtsruck folgte.
Von Peter Steiniger, erschienen in: junge Welt vom 15.10.2016, S. 7, Link