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Frohe und andere Botschaften

Die Buchmesse in Sachsens Reservehauptstadt empfiehlt sich als „das große Frühlingsfest der Bücher“. Tapfer strömen die Besucher durch dichten Schneegraupel zu den überdimensionalen Glas- und Stahlschachteln des modernen Messegeländes. Von Baustellen aufgerissenes Straßenland und Verkehrschaos bilden bereits am Hauptbahnhof eine zähe Bildungsbarriere. Um den Ring werden so bald keine Montagsdemos ziehen können.

Die ersten beiden Tage waren dem Fachpublikum vorbehalten, mit vielen Schulklassen vor allem dem von morgen. Jetzt ist es vorbei mit sächsischer Gemütlichkeit. In fünf weitläufigen Ausstellungshallen treffen Besuchermassen auf 2100 Aussteller aus 30 Ländern.

Am Anfang war das Wort – nicht unbedingt das geschriebene, denn zunächst geht es durch das Spalier der großen Sender. Daß man, von Westen kommend, von Arte empfangen wird, kann als Quarantäneschleuse betrachtet werden, bevor man sich den Mainstreammedien aussetzt und alles erfährt, was man über BamS & Co nie wissen wollte.

Ein Schwerpunkt der Mammutveranstaltung ist dieses Jahr die „jungen Buchmesse“ für Kinder und Jugendliche. Keine schlechte Sache, da Jugendliche vielleicht bald nur noch Handykurznachrichten und Computerspielhinweise lesen.

Unbeeindruckt vom anstehenden frühen Ausscheiden der germanischen Rasenhandwerker wird auch der Fußball reichlich belesen und besprochen. Wie man tatsächlich in Führung gehen kann, erfährt man jedoch rund um den Bibelbus – nämlich mit Werten. Peter Hahne – in dieser Zeitung bereits zu oft geschmäht, um dem noch etwas hinzufügen zu können –, Dieter Althaus und andere Maschinengewehre Gottes raten dringend zu mehr Vertrauen in den Allmächtigen. Diese eine frohe Botschaft für die Millionen Schäfchen, deren Futter mit Hartz IV knapp gehalten wird, haben sie immerhin.

Natürlich ist aber auch alles vertreten, was Rang und Namen hat im europäischen Verlagsgewerbe. Das Salz in der Buchstabensuppe aus Literatur, Kommerz und Volksfest bilden die Klein- und Kleinstverlage. „Mein Buch“ hält mit dem „frechsten Tucholskybuch, das es je gab“, die Klinge scharf. Die Selbstverleger Walther Ziegler und Rudolf Eichler vermarkten endlich mal einen zeitgemäßen Ratgeber: „Abwärts! Die 10 goldenen Regeln des sozialen Abstiegs“ soll Kraft und Selbstvertrauen für ein Leben nach der Arbeit geben. Aus den Stimmen zum Buch: „Die wohl treffendste Analyse unserer Gesellschaft nach meinem eigenen Werk.“ (Karl Marx). Der kürzeste Weg zum jW-Stand führt übrigens von Osten in die Halle 5, dann links halten.

Von Peter Steiniger. Quelle: https://www.jungewelt.de/2006/03-18/054.php

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