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Kundenfalle des Tages: Amazon

Im Anfang war das Wort. Bücher waren der goldene Schlüssel zu einem neuen Konsumparadies. Längst bekommt man bei Amazon alles und nichts. Von der neuwertigen Zahnbürste bis zum Orientteppich reicht das Sortiment des weltgrößten Versandhändlers. Große und kleine Schacherer sind auf seinen Siegeszug aufgesprungen.

Nur noch ganz Zurückgebliebene tragen nichts zur Big-Data-Kollektion des Konzerns bei. Denn der Einkauf im virtuellen Mega­store ist schnell, günstig und bequem, die gewaltige Nachfrage hält seine Picker, Packer und Paketboten schön auf Trab. Aus einer höheren Warte betrachtet, ermöglichen erst die Amazon-Kunden auch deren zahlreiche Arbeitskämpfe. Diese verdienen Respekt und Solidarität – solange die Prime-Liefergarantie eingehalten wird.

Mit solchen Problemen wird Amazon schon fertig. Drohnen sind nicht als so streikfreudig bekannt. Etwas heikler sind da schon die zahlreichen fiktiven Shops, die sich unter seinem Label in Deutschland ausgebreitet haben und die schicke Elektroartikel als Schnäppchen anbieten. Hübsche Portale mit allem Drum und Dran, begeisterte Kundenbewertungen werden gleich mitgefakt. Und der Preis ist heiß, das trübt das Auge. Ist das Monetäre – Vorkasse erbeten – erledigt, kann man auf die Waschmaschine allerdings lange warten. Der angebliche Händler löst sich in Luft auf. Schöne Grüße aus Rumänien sind nicht überliefert. Berichte über das Cybercrime-Feuerwerk bei Amazon, unter anderem in der Süddeutschen, platzen jetzt wie eine Bombe in dessen Weihnachtsgeschäft. Dabei ist die Sache nicht ganz neu. Nur eine erwartbare weitere Facette der kreativen Milliardenabzocke im Internet. Die Versprechen der Politik, diese einzudämmen, sind nicht mehr wert als das von Amazon, seine Kunden besser zu schützen. Der klassische Einzelhandel könnte nun jubilieren. Doch wer erträgt noch Jingle Bells, Jingle Bells …? (pst)

Von Peter Steiniger, erschienen in: junge Welt vom 14.11.2016, S. 8, Link