Peter Steiniger

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    25.02.2009

    Volksfest und Volksuni

    Am Sonntag schloß die internationale Buchmesse Havanna ihre Tore. Das nächste Gastland heißt Rußland

    Die Linke weltweit träumt von Kuba, Kuba träumt von der Welt. Die literarische war vom 12. bis 22. Februar auf der 18. »Feria Internacional del libro« zu Gast und löste wieder eine Völkerwanderung zum Veranstaltungsort, der historischen Hafenfestung La Cabaña, aus. Eine halbe Million Besucherinnen und Besucher wurde gezählt. Für drei Peso der Moneda Nacional, der regulären Landeswährung im Schatten des Dollar-Äquivalents CUC, erhielt man Zutritt zu den Messeständen, Buchhandlungen, Lesungen, Filmvorführungen, Konzerten – und zu einem beachtlichen kulinarischen Angebot, das größtenteils ebenfalls für den alten Peso erhältlich war.

    Es war ein Volksfest der Literatur. Und gleichzeitig eine Volksuniversität mit massenhaft Symposien und Vorträgen zu einem breiten Spektrum an Themen aus Kunst, Politik und Wissenschaft. Die »Feria del libro« geht weiter. In fünfzehn anderen Städten wird sie bis zu ihrem Abschluß am 8. März in Santiago de Cuba mit ihren mehr als tausend Neuerscheinungen Station machen.

    In Havanna fiel der hohe Anteil chinesischer Gäste auf. Fast 2000 Chinesen lernen und studieren zur Zeit an kubanischen Bildungseinrichtungen. Angesichts ihrer starken Präsenz auf der Messe könnte man meinen, daß die zahlreichen gebrauchten Yutong-Busse aus dem Reich der Mitte, die im katastrophalen Nahverkehr auf Havannas Straßen röhren, vollbesetzt geliefert wurden.

    Auf der Messe wurde selbstverständlich das 50. Jubiläum der Revolution von 1959 herzlich gewürdigt. Geehrt wurde mit der Casa de las Américas ein echtes Kind dieses Epochenwechsels: Das literaturwissenschaftliche Forschungszentrum, das die lateinamerikanische Literatur und Philosophie ins­gesamt mitprägte, kann 2009 ebenfalls auf fünf Jahrzehnte seines Bestehens zurückblicken.

    Chile, Chile, Chile. An allen Ecken und Enden der Messe wurde das diesjährige Gastland der Buchmesse präsentiert. Die zentrale Ausstellung »Eine Umarmung zwischen zwei Völkern« erinnerte mit Fotos, Texten und historischen Film- und Fernsehaufzeichnungen an die gewachsene Verbundenheit Kubas mit dem Chile der Unidad Popular. Künstler dieser Epoche, wie der Dichter Pablo Neruda, die Sängerin Violeta Parra oder der Liedermacher der chilenischen Volksfront, Victor Jara, wurden vorgestellt. Erstmals seit dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende stattete mit Michelle Bachelet auch ein Staatsoberhaupt des Andenstaates Kuba wieder einen Besuch ab. Im kommenden Jahr wird Rußland das Ehrengastland der Buchmesse sein. Dies kann als ein konkreter Ausdruck der Wiederannäherung zwischen beiden Ländern gesehen werden.

    Die deutsche Beteiligung in diesem Jahr ruhte auf drei Säulen. Neben der offiziösen Präsenz der Frankfurter Buchmesse und der von ihr repräsentierten Verlage waren die profilierte Solidaritätsorganisation der Linkspartei, Cuba Sí sowie das Berliner Büro Buchmesse Havanna hier vertreten. Letzteres war gegründet worden, um den zeitweiligen Boykott der Veranstaltung durch die Bundesregierung ins Leere laufen zu lassen. Nachdem dies geglückt war, wird der Messeauftritt nun stärker thematisch ausgerichtet. In diesem Jahr wurden die Integrationsprozesse in Lateinamerika und der EU unter die Lupe genommen. Unter dem Dach des Berliner Büros tritt auch die junge Welt in Havanna in Erscheinung. Während deutsche Botschaftsangehörige unter Kubas Intellektuellen nach Dissidenten Ausschau hielten, wurden 18000 Exemplare dissidenter Lektüre aus der Bundesrepublik an die Besucherinnen und Besucher gebracht: eine jW-Sonder­ausgabe in spanischer Sprache. Über weitere Aktivitären und vor allem über Eindrücke der widersprüchlichen Realität des heutigen Kuba wurde in einem Internet-Blog direkt aus Havanna berichtet (http:www.jungewelt.de/feria2009).

    Die Krise der Neunziger liegt zurück, Errungenschaften konnten bewahrt werden, Bewundernswertes wird geleistet. Der Patriotismus der Kubaner scheint ungebrochen. Doch das Auseinanderklaffen von gesellschaftlichem Anspruch und Realität infolge der ökonomischen Implosion nach dem Zerfall des sozialistischen Lagers hält bereits eine Generation lang an. Die Hurrikans im vorigen Herbst mit ihren Milliardenschäden haben die wirtschaftliche Entwicklung zurückgeworfen. Trotz einer Grundversorgung über Bezugsscheine (libretas) reichen die Gehälter, die außerhalb des Tourismus und angrenzender Bereiche gezahlt werden, bei weitem nicht aus. Vor allem in Havanna bestimmt das CUC-Geld das Leben. Viel Notwendiges und fast alles Angenehme ist nur in den Devisenläden erhältlich. Kuba ist auf dieses System angewiesen, um dringend benötigte Waren zu importieren. Gut qualifizierte Leute verlassen weiterhin das Land, in erster Linie aus ökonomischen Gründen.

    Mit einem pragmatischen Heran­gehen an die Probleme versucht die Regierung von Raúl Castro, die Wirtschaft weiter zu stabilisieren und ihre Produktivität zu erhöhen. Eine Schlüsselrolle für die Entwicklung vorhandener Potentiale kommt der Integration in den lateinamerikanischen Handel zu.

    Von Peter Steiniger, Havanna. Quelle: http://www.jungewelt.de/2009/02-25/043.php

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