Peter Steiniger

    Politik | Wirtschaft | Geschichte | Feuilleton | Umwelt
    Zur Person
    « Rohrleger unter Druck
    Mit Helm und Stock »
    19.02.2007

    Reaktorlotterie

    Serie von Zwischenfällen in Nuklearmeilern deckt Schwachstellen der schwedischen Energiepolitik auf. Stockholm ohne Szenario für Ausstieg aus Atomenergienutzung

    Der Pannenteufel hat wieder zugeschlagen. Diesmal trieb er sein Unwesen im Kraftwerk Ringhals, dem größten Kernenergielieferanten Schwedens. In dem in Hallands Län, nahe Göteborg, gelegenen AKW war am vergangenen Freitag ein Leck im Primärkühlwasserkreislauf von Block zwei aufgetreten. Der Druckwasserreaktor gilt als besonders zuverlässig. Die Anlage mußte zu Untersuchungszwecken heruntergefahren werden. Gefahr für die Mitarbeiter oder die Umwelt habe nicht bestanden. »Das ist nichts Ernstes«, beschwichtigte Produktionschef Lars Eliasson. Gegenüber Göteborgs-Posten bemängelte hingegen Anders Jerregård, Inspektor der staatlichen Aufsichtsbehörde SKI (Statens Kärnkraftinspektion), daß es vom Bekanntwerden des Defekts bis zu Konsequenzen fast zwei Wochen gedauert habe. »Wir kritisieren, daß man den Betrieb fortsetzte, obwohl bekannt war, daß es ein Problem gab, dessen Ursache nicht geklärt war.« Ringhals Aktiebolag ist ein Gemeinschaftsunternehmen des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall mit der deutschen E.on AG. Das Kraftwerk in Ringhals verfügt über vier Reaktorblöcke mit einer Gesamtleistung von 3560 Megawatt. Damit kann es bis zu 20 Prozent des schwedischen Strombedarfs decken.

    Brände und Lecks

    Erst im November 2006 hatte in Ringhals ein Brand in einem der Haupttransformatoren von Block drei eine Reaktorabschaltung notwendig gemacht. Damit nicht genug: Auch die beiden anderen schwedischen ­Atomanlagen – in Oskarshamn sowie in Forsmark nördlich von Stockholm – machten von sich reden. Der schwerste Zwischenfall ereignete sich am 26. Juli 2006, als im Vattenfall-AKW Forsmark während eines Stromausfalls ein Teil der Notstromversorgung und andere Sicherheitssysteme versagten. Nach Einschätzung von Experten entging einer der drei Siedewasserreaktoren nur dank einer Notabschaltung einer möglichen Kernschmelze. Ein solcher GAU hätte katastrophale Auswirkungen auf ganz Nordeuropa gehabt. Forsmark beherbergt auch die schwedische Endlagerstätte für schwach und mittelstark strahlenden radioaktiven Abfall. Nur eine Woche später zog Oskarshamn (Mehrheitseigner ist E.on Schweden) als Problemfall nach. Auch hier war ein Versagen der Notfallaggregate nicht auszuschließen. Zwei der drei Reaktoren gingen zeitweilig vom Netz. Während es in Ringhals tropft, strahlt es jetzt in Oskarshamn – aber am falschen Ort. Durch ein Leck traten kleinere Mengen Radioaktivität aus. Dies stelle keine Gefahr dar, sei allerdings »nicht zufriedenstellend«, so ein Unternehmenssprecher.

    Als nicht zufriedenstellend sieht auch ein wachsender Teil der schwedischen Öffentlichkeit die Reaktionen von Behörden und Atomkraftwerksbetreibern. Die Staatliche Kernkraftinspektion hatte die Sicherheitsroutinen in den Werken überprüfen lassen. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluß, daß Rapporte zu »meldepflichtigen Ereignissen« oft ungenügend und flüchtig abgefaßt waren. Sie monierten unterschiedliche Unternehmenskulturen in Sicherheitsbelangen. In die Kritik geraten sieht sich vor allem Energielieferant Vattenfall. Wirtschaftsministerin Maud Olofsson (Zentrumspartei) zeigte sich unzufrieden mit dem Krisenmanagement des Konzerns. Am 2. Februar war in Forsmark auch noch Reaktor Nummer eins abgeschaltet worden. Entgegen geltenden Sicherheitsbestimmungen blieb er vorher sieben Monate lang mit einer defekten Gummidichtung in Betrieb. Direktor Lars Fagerberg mußte seinen Hut nehmen. »Das Ganze ist für uns Politiker zu einem Problem geworden, denn wir tragen die Verantwortung sowohl für die Sicherheit der Bürger wie der Elektrizitätsversorgung.« Zwischen der Politik und dem Vattenfall-Konzern bestehe dringender Diskussionsbedarf, so die Ministerin gegenüber Dagens Nyheter.

    Abhängig von Atomstrom

    Vattenfall hat die Flucht nach vorn angetreten und spricht sich für eine Überprüfung der Werke durch die Internationale Atomenergieaufsichtsbehörde IAEA aus. Die schwedischen Umweltbehörden haben jetzt offiziell deren Inspektoren angefordert. Als erstes soll das fehlerträchtige Werk in Forskmark unter die Lupe genommen werden.

    Das An und Aus bei den schwedischen AKW belebt eine kontroverse Debatte aus der jüngeren Geschichte des Landes. Nach einer Volksabstimmung 1980 hatte der Reichstag den schrittweisen Ausstieg aus der Nutzung der Atomkraft beschlossen. Bis 2015 sollte die energiepolitische Wende eigentlich vollzogen sein. Davon ist längst keine Rede mehr. Nur zwei altersschwache der zwölf schwedischen Reaktoren wurden stillgelegt. Fast die Hälfte der Elektrizität des Landes wird aus Kernenergie gewonnen. Nur Frankreich und die Slowakei sind noch abhängiger von der Risikotechnologie. Einen Anschluß an die geplante deutsch-russische ­Gastrasse durch die Ostsee hatte die schwedische Regierung verworfen. Das Programm der Mitte-rechts-Koalition von Staatsminister Fredrik Reinfeldt sieht für die laufende Mandatsperiode keine Stillegung von Kernkraftwerken vor.

    Von Peter Steiniger. Quelle: http://www.jungewelt.de/2007/02-19/020.php

    Ähnliche Beiträge

    Schweden dreht nicht bei
    Das schwedische Echo auf die blutige Kaperung der Schiffe der »Freiheitsflotte« mit Hilfsgütern für ...
    Auf in den Krieg
    Mit großer Mehrheit hat am Freitag das Schwedische Parlament einem Kriegseinsatz der Luftwaffe über ...
    • Teilen:

    Kommentieren ist momentan nicht möglich.

    « Rohrleger unter Druck
    Mit Helm und Stock »
    Meistgelesen
      »Ich vermisse die Wertlosigkeit des Geldes«
      »Der Westen war für mich was ganz Schlimmes«…
      Little Havana Berlin
      Schmutzige Wäsche
      »›Aus gutem Hause und solchen Unsinn im Kopf‹…
      Ein Tänzchen wagen
    Tags
    Schweden Israel Reportage Interview Portugal Afrika Havanna NATO Buchmesse USA Kommentar Umwelt Leipzig Berlin Polizei Film Feminismus Mosambik G8 DDR Die Linke Iran Kiel Glosse jW ver.di Wikileaks Brasilien Kuba Sex
    NGO
        • Attac
        • Cuba Sí
        • dju
        • FIR
        • Lobbypedia
        • Welthungerhilfe
        • Weltsozialforum
    Kultur
        • B. Traven
        • Billy & Hells
        • Concentus Records
        • Gegner
        • Gundermanns Seilschaft
        • Lenaismus
        • Lutz Masanetz
        • Revolver
        • Skin Diary
        • Tucholsky
    Medien
    Amerika21
    analyse & kritik
    Der SKEPTIKER
    Druck+Papier
    Financial Times
    Frankf. Rundschau
    der Freitag
    F`hainer Chronik
    ila
    junge Welt
    LMD
    März Verlag
    ver.di: «M»
    Miss Tilly
    Nachdenkseiten
    Neues Deutschland
    ver.di PUBLIK
    secarts.org
    taz.de
    Womblog

    Avante!
    Diário Liberdade
    Esquerda.net
    DPG-Report
    Público

    Brasil de Fato
    Caros Amigos
    Carta Capital
    Folha de S.P.
    revista piauí

    Diagonal
    El País

    Juventud Rebelde
    Prensa Latina
    Rebelión
    Temas

    Dagens Nyheter
    Expo
    Flamman
    Ordfront
    Autoren
    Dario Azzellini
    balcerowiak.de
    jboe-reporting
    Frank Brunner
    Carmela Negrete
    Sprache
        • Wörterbücher
        • Korrekturen
        • Thesaurus
        • Tlaxcala
        • Zeno.org
    © Peter Steiniger | Impressum | WordPress

    loading Abbrechen
    Beitrag nicht abgeschickt - E-Mail Adresse kontrollieren!
    E-Mail-Überprüfung gescheitert. Bitte nochmal versuchen.
    Ihr Blog kann leider keine Artikel per E-Mail sharen.