Peter Steiniger

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    21.02.2009

    Marktwirtschaft wagen

    Erkundungen im kubanischen Alltag am Rande der 18. Internationalen Buchmesse von Havanna

    Die schweren Hurrikans vom letzten Herbst, die quer über die Insel pflügten, hatten vor allem die kubanische Landwirtschaft verwüstet. Eine Tragödie angesichts der ohnehin angespannten Versorgungslage. Kuba muß den größten Teil der benötigten Nahrungsmittel gegen knappe Devisen auf dem Weltmarkt kaufen. Umso wichtiger ist es, die Erzeugung im Land selbst anzukurbeln.

    Nach diesen Naturkatastrophen gab es auf den Bauernmärkten der Hauptstadt Havanna lange nichts zu holen. Abgesehen von Zwiebeln, Knoblauch und Malanga-Wurzeln war das Sortiment bis in den Dezember hinein wie leergefegt. Von einer »Bananenrepublik« konnte schon gar keine Rede mehr sein: Die langsam wachsenden Stauden waren an kaum einem Ort verschont geblieben.

    Verschiedene Mangelwaren wurden noch knapper. Die orkangestreßten Hühner wollten keine Eier mehr legen. Der schwarze und graue Markt, auf dem Milch, Fleisch, Meeresfrüchte und alles andere angeboten wird, was Werktätige zur Aufbesserung unzulänglicher Gehälter aus den Betrieben herausholen, tauchte ab. Die Händler wußten, daß in diesen Zeiten hart durchgegriffen wird.

    Die Versorgung über Bezugskarten, die libretas, mit einem Teil des Grundbedarfs zu stark subventionierten Preisen funktionierte auch in den schweren Monaten. Die Bäckereien arbeiteten. Der Staat hatte für einen solchen Notfall Reserven angelegt.

    Gemeinsam mit Mónica, die uns während der Messetage als Sprachmittlerin und Führerin durch den kubanischen Alltag unterstützt, teste ich den aktuellen Stand der kubanischen Marktwirtschaft. In Cojimar, einer Ansiedlung am östlichen Stadtrand von Havanna, wo sich einst Hemingway die Kante gab und mit dem alten Mann das Meer bereiste, reihen wir uns in die Warteschlangen an der örtlichen Verkaufsstelle »El Delfin« ein. Geöffnet ist an allen Wochentagen von 9 bis 17.30 Uhr, am Sonntag nur am Vormittag. »El último?« – »Wer ist der Letzte?« Da stehen wir.

    Auf den Kiepen vor uns türmen sich Berge von Vegetarischem, auch die fahlgelben »Kuba-Orangen« fehlen nicht. Es sind gute Saftlieferanten, während ihr strohiges Fruchtfleisch eher als Füllmaterial für Kissen oder Puppen taugt. Die DDR tauschte etliche Jahresproduktionen an MZ-Motorrädern gegen Schiffsladungen karibischer China-Äpfel. Mónica bestaunt mehr die krepligen, noch tiefgrünen Fruchtbananen. Diese hat sie in Havanna lange nicht zu sehen bekommen.

    Hier ist ganz sicher alles öko: Die Früchte sehen noch pflanzlich aus, mal dick, mal dünn, mal groß, mal klein. Es fehlt ihnen das edle Gleichmaß, welches wir vom Genfood unserer Discounter gewöhnt sind.

    Vor uns in der Schlange wartet bereits ein Dutzend Leute darauf, bedient zu werden. Der Händler arbeitet mit Ruhe. Die Sonne brütet an diesem Februarmorgen. Die älteren Wartenden hocken sich auf die schattigen Plätze am Rand. Nach einer Stunde muß ich passen. Ich eile zur Buchmesse, die Pflicht ruft, die Kollegen warten.

    Während mich der 58er Bus durchschaukelt, ersteht Mónica je zwei Pfund Reis, Bohnen, Mohrrüben, Tomaten, Paprika und Zwiebeln, dazu einen riesigen Salatkopf, ein paar Knoblauchzehen sowie Honig, abgefüllt in einer Flasche mit Rum-Etikett. Und, nicht zu vergessen, mindestens drei Pfund der seltenen Fruchtbananen. Die Preise liegen etwa wieder auf dem Niveau von vor den Wirbelstürmen. Für ihren großen Einkauf zahlt sie 80 alte Pesos, das entspricht etwa vier Dollar – oder einem Fünftel des monatlichen Durchschnittseinkommens in Kuba.

    Von Peter Steiniger. Quelle: http://www.jungewelt.de/2009/02-19/046.php

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