Peter Steiniger

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    04.12.2011

    Europas Widerstand

    Ein Buch aus Weimar hält das antifaschistische Vermächtnis ehemaliger Buchenwald-Häftlinge fest

    »Europa, Europa? Ich erinnere mich daran, daß wir in Buchenwald vor allen Dingen darüber gesprochen haben, wie dick die Suppe war.« So, wie es sein Leidensgefährte Roland Haas ausdrückt, ging es auch für den heute 88jährigen Charles Parlant hinter dem Stacheldraht auf dem Ettersberg bei Weimar in erster Linie ums Überleben. Das jüdische Mitglied der französischen Résistance wurde 1945 vom Vernichtungslager Auschwitz in das KZ vor den Toren der Klassikerstadt vor der heranrückenden Roten Armee »evakuiert«.

    Seit 1937 waren in Buchenwald und seinen 136 Außenlagern insgesamt über 250000 Menschen inhaftiert und wurden von der SS zur Arbeit für die Rüstungsindustrie des »Dritten Reichs« gezwungen. Etwa 56000 Häftlinge überlebten die Folter und den Hunger nicht. Auch Elie Buzyn, 1929 im polnischen Lodz geboren, war in den letzten Kriegsmonaten über Auschwitz hierher gelangt. Den Jugendlichen hatten die Nazis als Juden aus dem Ghetto deportiert. »Glauben Sie mir«, führt er den Fragestellern die Realität des KZ-Lebens vor Augen, »Wir beschäftigten uns zu diesem Zeitpunkt nicht mit Europa. Unser einziges echtes Problem war die Frage, ob wir am Mittag oder am Abend etwas zu essen bekommen würden.« In der Rückschau ließe sich Europa jedoch sehr wohl auch in Buchenwald ausmachen: im gemeinsamen Widerstand der dort gefangenen Menschen aus fast allen Nationen des Kontinents. Am 11. April 1945 übernahm das kommunistisch dominierte »Illegale Internationale Lagerkomitee (ILK)« die Kontrolle und öffnete den amerikanischen Truppen die Tore.

    Zentraler Punkt

    Für den Band »Von Buchenwald (, ) nach Europa« führten die drei Autoren – Ronald Hirte und Hannah Röttele, wissenschaftliche Mitarbeiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora, sowie der Pressesprecher der Stadt Weimar, Fritz von Klinggräff – zwischen Februar und Juni dieses Jahres in Frankreich Gespräche mit Überlebenden des KZ. Der frühere gaullistische Minister Pierre Sudreau, Jahrgang 1919, zählt dazu. Dieser sagt von sich, daß er »in den Lagern ein Europäer geworden« sei.

    Eine solche Prägung sieht auch der Résistance-Kämpfer und Exdiplomat Stéphane Hessel, dessen Essay gegen den Finanzkapitalismus »Empört Euch!« jüngst Furore machte: »In den KZs empfand man sich als Europäer.« Dabei hätte »Antinazi« als Synonym für Menschenrechte gestanden. »Das Europa der Menschenrechte ist in einer gewissen Weise in Buchenwald geboren«, heißt es in einem im Buch zitierten Nachruf Hessels für seinen Lagerkameraden, den im Juni verstorbenen bedeutenden spanischen Schriftsteller Jorge Semprún. Dessen These, daß sich auf eine paradoxe Weise »in den Lagern der Nazis zum ersten Mal so etwas wie ein euro­päischer Geist« herausgebildet habe, bildet den zentralen Ausgangspunkt für die Gespräche mit den Zeitzeugen und ergänzende Beiträge weiterer Autoren. In einem Nachruf hebt Franziska Augstein hervor, daß sich Semprún an universalistischen und demokratischen Werten orientierte, wie sie in George Orwells aufklärerischen Arbeiten zu finden sind.

    Europa? Wo liegt, was meint dieser Ort? Visionen Intellektueller oder gar jenen demokratiefernen Staatenbund, dem gerade das gemeinsame Geld ausgeht? Die Supranationale erkämpft das Menschenrecht? Wir betreten ihn von Westen her: Von der Montanunion über die Römischen Verträge geht es zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und schließlich der EU. Und zur Realität: »Flüchtlingsboote, Flüchtlingslager, Grenzzäune und Sperranlagen sind übliche Topoi von Europa.« Es wird Bezug genommen auf den französischen Philosophen Jacques Derrida, der für ein Europa jenseits von Markt und militärischer Supermacht warb, für ein Bewußtsein von der Verantwortung für die Zukunft der Menschheit und die Bewahrung des Internationalen Rechts.

    Erinnerungskultur

    Der Historiker Volkhard Knigge stammt aus Bielefeld, lehrt an der Universität Jena und ist im Hauptberuf Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Erinnert wird dort heute auch an das bis 1950 bestehende Speziallager Nr. 2 für Gefangene der sowjetischen Besatzungsmacht. Er hat ein einführendes Kapitel über euro­päische Erinnerungskultur beigesteuert. Eine solche könne »schnell zur Geschichts- und Identitätspolitik herunterkommen«. Wie sie die Kreise um Kulturstaatsminister Neumann betreiben, von Knigge nicht genannt, der DDR-Unrecht im Dienste der »Identitätsbildung der Nation« monströs überdehnt sehen möchte. Eine kritische, differenzierte Sicht schließt, wie Knigge ganz richtig hervorhebt, »Pietät, die den Opfern als Opfern gilt, ein«.

    Die noch junge Weimarer Verlagsgesellschaft hat eine durch vielfältige Sichten und persönliche Annäherungen an die Porträtierten lebendige, zum Nachdenken und zur notwendigen Beunruhigung über die eigenen Geschichte führende Publikation herausgebracht. Sie kommt zur rechten Zeit.

    Ronald Hirte/Hannah Röttele/Fritz von Klinggräff (Hg.): Von Buchenwald (, ) nach Europa. Gespräche über Europa mit ehemaligen Buchenwald-Häftlingen. Weimarer Verlagsgesellschaft, Weimar 2011, 310 Seiten, 28 Euro

    Von Peter Steiniger. Quelle: Tageszeitung junge Welt, 05.12.2011, Nr. 282, S.15, http://www.jungewelt.de/2011/12-05/001.php

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