»›Aus gutem Hause und solchen Unsinn im Kopf‹«
Gespräch mit Harald Zentgraf. Über Kirchenkampf im Oderbruch, schwule Normalität in der DDR, irdische Gerechtigkeit für Ceausescu und wendige Karrieregenossen
Harald Zentgraf (Jahrgang 1938) ist studierter Lehrer, war mehr als zwei Jahrzehnte Unruhestifter, Korrektor und Gewerkschafter bei Junge Welt und Neues Deutschland. Von 1993 bis 2003 war er Betriebsratsvorsitzender beim Druckvorlagenhersteller Digitext in Berlin.
Sie waren im »SED-Parteibetrieb« Druckerei Neues Deutschland als Parteiloser in leitenden Funktionen und als »roter Zenti« ebenso beliebt wie verschrien. Kein Ehrenamt war vor Ihnen sicher. Was hat Sie angetrieben, sich so in der DDR zu engagieren?
Ich bin gerade als Parteiloser erst zum richtigen Sozialisten geworden. In der DDR-Zeit wurde man, wenn man viel und auch nicht schlecht arbeitete, gefördert. In der ND-Druckerei war ich zunächst beim Direktorat Sozialwesen tätig. Ich kümmerte mich da um Kindergartenplätze, Ferienlager, Wohnungen, das Betriebsessen. Für 16 Mark haben wir jedes Kind zwei Wochen lang ins Ferienlager geschickt … Das ist heute kaum noch vorstellbar. 1978 ging ich dann zu den Korrektoren. Bei der Arbeit im Betrieb lernte ich zweierlei Sorten SED-Genossen kennen. Die echten und die Karrieregenossen. Letztere wechselten nach 1990 sofort die Seiten, wurden Handlanger der neuen Westchefs. Das hat die normalen Arbeitenden sehr verbittert, nicht nur im Zeitungswesen. Dieselbe Kader- und dann Personalleiterin, die mich noch im September 1989 dafür kritisierte, daß ich die Formel »Bewegung der sozialistischen Arbeit« lächerlich fand, sagte kurz nach der Wende zu mir: Harald, du mußt dich von deinen sozialistischen Vorstellungen trennen. – Also, wenn ich meine Galle noch hätte, die würde mir hochkommen.
Sie waren auch Vertrauensmann und saßen in der Revisionskommission der IG Druck und Papier. Um was für Probleme ging es dabei?
Die Arbeitsbedingungen in der Druckerei Neues Deutschland waren ja die letzten, man arbeitete in Räumen ohne natürliches Licht, die Klimaanlage funktionierte nicht. Aber ich habe auch kleinere Druckereibetriebe in anderen Bezirken besichtigt, dagegen lebten wir immer noch wie die Götter. Nach der Wende habe ich meine Briefe dazu im FDGB-Vorstand wiedergefunden. Die waren nicht einmal geöffnet worden.
1990 standen Sie auf der Verliererseite und brauchten für den Spott nicht zu sorgen…
Im März 1990, nach der ersten freien Wahl, bekam ich zu hören: Siehst du, roter Zenti, das hast du davon. Jetzt kriegt ihr die Quittung. Das sagten meist die Ungelernten, die Hilfsarbeiter, diejenigen, die die Zeitungen zusammenschnürten. Denen habe ich gesagt: Ihr werdet die ersten sein, die weinen. Und das hat sich ja auch bewahrheitet. Etliche dieser Leute habe ich kurz vor Ultimo noch zu Facharbeitern gemacht. Die hatten dann Marxismus und Deutsch bei mir, zu beidem taugten sie nicht. Sie wahrten nur Disziplin, weil ich so ein lustiger Lehrer war. Aber so haben sie später wenigstens etwas mehr Arbeitslosengeld gekriegt.
Für die junge Welt sind Sie ein alter Bekannter. 1970 begannen Sie beim damaligen Blatt der Freien Deutschen Jugend als Korrektor. Wie kam es dazu?
Die Junge Welt war meine erste Berliner Station. Zuerst hatte ich bei der sogenannten Blockpresse angeklopft, in der Mauerstraße. Da waren lauter alte Herren, und ich war so um die dreißig. Die fragten heuchlerisch: Willst du nicht zur Junge Welt-Jugendbrigade gehen? Die Kaderabteilung dort war noch nicht so durchgestylt, und so wurde ich genommen.
Sie wechselten später zum Neuen Deutschland. Mit dem Parteibetrieb war es 1990 vorbei. Wie verlief der ökonomische Umbruch, und wie änderten sich die Arbeitsbedingungen?
Gleich 1990 habe ich erfolgreich einen Streik geleitet. Doch da es plötzlich um Gewinn ging, waren Entlassungen nicht zu vermeiden. An einigen Stellen war schludrig gearbeitet worden, waren Stellen unnütz besetzt. Computer hielten Einzug, machten viele überflüssig. Es entstand ein großer Abstand zwischen Leitung und Kollegen. Aber auch zwischen den Kollegen, vor allem den jüngeren, wurde der Ton merklich kälter. Die Druckvorstufe wurde als selbständiger Betrieb ganz ausgegliedert, wir saßen jetzt als Digitext am Alexanderplatz. Ich wurde gleich ehrenamtlicher Betriebsratsvorsitzender. Die Firma übernahm zunächst ein kluger, raffinierter Mann aus Hamburg, Herr Jansen. Der sorgte für mehr äußerliche Annehmlichkeiten, aber es war auch mehr Distanz da. Ein Händedruck war jetzt eine Auszeichnung. Er klärte mich erst mal über die Leistungsgesellschaft auf: Ihr redet jetzt von Seilschaften. Aber bei uns ist das noch viel schlimmer. Wenn ein großer Chef einen unfähigen Neffen hat, der gerade so studiert hat, dann wird dieser Neffe zum Abteilungsleiter gemacht und nicht ein fähiger Ingenieur. Letztlich wurde Digitext von der Konkurrenz planmäßig kaltgemacht. 2003 war Schluß. Die meisten der vierzig Mitarbeiter sind in Nachfolgeunternehmen untergekommen.
In den letzten Wochen gab es einen regelrechten Medienrummel um das Mauerfalljubiläum. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Es ist in der Geschichte einmalig, daß ein Land ein anderes Land erobert hat, ohne einen Soldaten zu verlieren. Mir persönlich geht es auch heute gut, aber ich nehme nach wie vor kein Blatt vor den Mund. Mich erschüttert die soziale Kälte, die von den Politikern ausgeht, die Linkspartei mal ausgenommen. Das mache ich auch beiden Kirchen zum Vorwurf. Die konnten nicht genug predigen: Die DDR muß weg. Jetzt schweigen sie zu sozial Ausgegrenzten, zu zerstörten Familien.
Sie waren selbst Mitglied der Jungen Gemeinde, sind deshalb auch mal von der Schule geflogen …
Ich komme aus bürgerlichem Elternhaus und war innerlich gegen den Kommunismus eingestellt, frühreif und entsprechend frech. Schon mit sieben, acht Jahren wetterte ich gegen den Bolschewismus, Kommunismus und gegen die Russen. Ich lernte dann einen Juden, der die ganze Nazizeit von nichtjüdischen Deutschen versteckt worden war, kennen. Dieser Rudolf Marx hat eine unendliche Geduld mit mir gehabt. Wochen- und monatelang hat er mir erklärt, was gut an der neuen Gesellschaft ist. Der hat so viel in mich reingetrichtert – das hat praktisch mein ganzes Leben lang gewirkt.
Obwohl Sie aus einer bürgerlichen Familie kommen?
Ich stamme aus einer Kleinstadt, Hettstedt, im Mansfelder Land. Meine Familie hatte dort einen Namen, der Großvater war in kaiserlichen Zeiten Oberjustizrat. Die heile Welt zerbrach 1942. Da wurde mein Vater, Werkassessor bei der Mansfeld AG, obwohl sehr herzkrank, im Oktober zur Wehrmacht eingezogen. Schon nach acht Tagen ist er vor Stalingrad gefallen. Ihm ist das ganz Schlimme, was nachher dort mit den Soldaten der 6.Armee passiert ist, wahrscheinlich erspart geblieben.
Meine Mutter war sehr bürgerlich erzogen – ein bißchen Tennis, ein bißchen Französisch, ein bißchen Kochen. Für so eine Frau war es nach 1945 besonders schwer, ihre beiden Kinder allein großzuziehen. Nach außen hin mußten in so einer Kleinstadt die alten Formen gewahrt bleiben.
Bis in die 60er Jahre hinein hielt dort die Stadtbourgeoisie an ihren Gepflogenheiten fest. Meine Mutter machte dann ihren Wirtschaftskaufmann und wurde Kaderleiterin im Gaststättenwesen für das Vorharzgebiet. Sie heiratete wieder, einen Vollblutkommunisten.
Sie selbst wurden Lehrer. Wie verlief der Einstieg in diese Karriere?
Ich habe an der Humboldt-Universität zu Berlin Geschichte studiert und dann Deutsch, Geographie, Staatsbürgerkunde und Englisch unterrichtet. Ich war ein großer Idealist und der einzige Student, der sich nach dem Studium sofort bereit erklärte, in das Oderbruch zu gehen statt nach Berlin. Ich kam zuerst nach Seelow, später nach Golzow. Das fiel genau in die Zeit des Mauerbaus. Mir als Staatsbürgerkundelehrer fiel die Aufgabe zu, den Schülern zu erklären, warum der antifaschistische Schutzwall – ich sage jetzt nicht Mauer – notwendig war. Was »die Bösen« alles mit uns machen wollen, und warum. So daß die Schüler schon immer sagten: Hören Sie auf, wenn wir noch ein halbes Jahr bei Ihnen Unterricht haben, sitzen wir alle im Staatsrat.
Wie war die politische Stimmung unter den Menschen im Oderbruch in diesen Jahren?
Die Bevölkerung dort war, auch uns Lehrern gegenüber, politisch absolut feindlich eingestellt. Das Oderbruch liegt nahe bei Berlin, viele hatten dort Verwandte. Es gab viele Großbauern, noch aus der Zeit her, als Friedrich II. das Oderbruch entwässern ließ. Familien, die über Jahrhunderte Steuerfreiheiten und wirtschaftliche Privilegien genossen hatten.
Es wurde ganz offen mit mir diskutiert, sie merkten, daß ich das nie zu ihrem Nachteil weitergeben würde. Durch die schnelle Gründung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, der LPG, gab es wirtschaftliche Engpässe, und ich war ein Lehrer, der nicht gut zu essen hatte. Wurde geschlachtet, bekam ich auch ein Huhn, oder mir wurden ein paar Eier gebracht. Nur politisch schüttelte man über mich den Kopf. So ein alter Großbauer sagte immer: Aus gutem Hause und solchen Unsinn im Kopf.
Im idealistischen Überschwang sind Sie der Geistlichkeit auch persönlich auf den Kragen gerückt. Wie sah Ihr Beitrag zum Kirchenkampf der Sechziger in der DDR aus?
Ja, da habe ich einiges mitgemacht. Ich war scharf drauf. Den Schuldirektor, Rudolf Ramm, den ich sehr verehrte, nannten die Leute den Golzower Lenin. Und dann hieß es: Da ist jetzt aber noch ein Stalin hinzugekommen – das war ich. Ich riß ja gleich, wie später beim ND, sämtliche ehrenamtlichen Funktionen an mich; ich war Dorfklubvorsitzender, leitete die GST-Übungen, also die der Gesellschaft für Sport und Technik, war natürlich FDJ-Sekretär. Ich triezte die jungen Kollegen erbärmlich und zählte schnell zur Kreisagitationsreserve. Der Kirchenkampf war ganz direkt. Im Visier hatte ich den evangelischen Pfarrer – den ich privat besuchte, ich nahm da an Hausmusiken und Nachmittagstees teil. Aber wenn’s ums Politische ging, waren wir absolute Gegner. Am Wahltag zur Volkskammer 1963 war dieser, um nicht wählen zu müssen, mit seiner Frau auf den Kirchturm geflüchtet, den einzigen erhaltenen Teil der Kirche. Das Glockenseil hing herunter bis auf die Erde. Und ich fing nun an, die Glocken zu läuten. Und als er rief: Haben Sie doch Erbarmen, um Gottes Willen! Da sagte ich: Erst wählen – dann hört das Gebimmel auf! Nach einer halben Stunde, mir dröhnten selber die Ohren, wurde ich von einem erfahrenen Genossen gestoppt.
Wie lächerlich kommen Ihnen heute die Denkweisen dieser Zeit vor?
Da hat natürlich ein innerer Wandlungsprozeß stattgefunden. Hätte man damals zu mir gesagt, komm Mitternacht ans Brandenburger Tor und schieß auf die Amerikaner, hätte ich das sofort gemacht. Aber im nachhinein finde ich vieles lächerlich, die vielen Seminare und politischen Belehrungen, mit denen uns die Zeit gestohlen wurde. In meiner SED-Zeit habe ich das bereits empfunden und angefangen zu sabotieren. Sechs Jahre war ich in der Partei, bis 1967.
Warum haben Sie sich als glühender DDR-Bürger doch wieder aus der SED verabschiedet?
Man konnte da nicht austreten, man wurde da rausgeschmissen. Es gab politische Gründe und Querelen. Zwei sehr begabte Schüler von mir hatten zwei alte Gewehre von den Kämpfen um die Seelower Höhen 1945 gefunden, wieder zusammengebastelt und Silvester damit Salut geschossen. Ich habe darüber gelacht. Ich sagte, das sind 17jährige Jungs, vielleicht hätte ich es auch gemacht. Da legte man mir dann einen Stein nach dem anderen in den Weg.
Die Frau, mit der ich verheiratet war, ließ sich wegen des politischen Ärgers von mir scheiden. Sie war sehr ehrgeizig, zwei Doktortitel, und durfte nur in die westlichen Länder reisen und Vorträge halten, wenn sie einen Mann hatte, also eine »Geisel« hierblieb. Ich bin homosexuell, und es herrschte zwischen uns Klarheit. Sie hat dann einen stellvertretenden Minister geheiratet. Aber wir sind bis heute noch in Verbindung.
Wie schwer oder riskant war es, sich damals zum Schwulsein zu bekennen?
Also, in Kleinstädten war es viel schlimmer als in Berlin, da waren manche sehr unglücklich. In meiner Zeit in den Druckereien habe ich mich eigentlich überhaupt nicht geniert. Wenn man mich fragte, warum bist du nicht verheiratet, habe ich gesagt: Willst du etwa mit mir anbändeln? Und dann habe ich weniger humorvoll gesagt: Weil ich homosexuell bin. Einer meiner Lehrlinge erzählte mir gleich am dritten Tag: Herr Zentgraf, die und die haben mir gesagt, Sie sind schwul. Hach, sagte ich, und ich hab’ vergessen, dir zu sagen, daß die anderen nicht schwul sind. Innerhalb meiner Abteilung waren dann einige solcher Leute wie ich. Ich habe die regelrecht beschützt, wenn Drucker lästerten oder hinter ihnen herpfiffen.
Warum sammelten sich dort so viele Homosexuelle?
Es gab eine Initiative, um Setzer, Metteure, Anzeigengestalter, Fotografen in die Druckerei nach Berlin zu holen. Von zehn, die Korrektor werden wollten, waren sechs homosexuell. Das hat sich nicht nur dort so gesammelt. Die ergriffen jeden Strohhalm, der sich bot, nach Berlin reinzukommen. Um auch privat nicht isoliert zu leben.
Wie wurde auf der Leitungsebene mit schwulen oder lesbischen Kollegen bzw. Kolleginnen umgegangen?
Ich hatte damit eigentlich keine Schwierigkeiten, aber was mich geärgert hat: In der Kaderabteilung wurde auch notiert, der ist so und der ist so. Weil Homosexuelle als Anlaufpunkte für Westkontakte galten. Abteilungsleiter erzählten mir, sie wären offiziell darauf aufmerksam gemacht worden, daß ich homosexuell bin. Da habe ich sie gefragt: Was hat das bitte mit meiner Arbeit zu tun? In einem Dokumentarfilm über das ND habe ich gesagt: Ich war homosexuell und nicht in der Partei und mußte dementsprechend dreimal soviel arbeiten wie Leiter, die in der Partei waren. Damit habe ich mir Drohbriefe und eine Menge böse Anrufe eingehandelt.
Worin unterscheidet sich für Sie das Bild von Homosexualität in der Gesellschaft der DDR und der BRD?
Die DDR hat das Thema in den letzten Jahren normaler behandelt. In den Medien werden Homosexuelle heute oft als schrille Typen dargestellt. Die essen nicht wie normale Leute am Tisch, nein, die liegen auf Plüschdecken.
Sie haben enge persönliche Beziehungen nach Rumänien, sind ein Kenner von Sprache, Gesellschaft und Kultur. Der damalige Präsident, Nicolae Ceausescu, bekam 1988 von Erich Honecker den Karl-Marx-Orden verliehen. Gleichzeitig tanzte das Land politisch im Ostblock aus der Reihe. Wie sah Ihre Einschätzung aus?
Das mit dem Orden war außenpolitisches Kalkül, aber unmoralisch. Ich mache der westlichen Welt sehr zum Vorwurf, daß deren Vertreter genau gewußt haben, welche Schweinerei dort lief, daß die einfachsten Menschenrechte nicht gewährleistet wurden. Rumänien war für sie der freie sozialistische Staat. Sie wollten das Land gegen den Ostblock ausspielen.
Es war ja erschütternd, wie die Menschen dort lebten. Unter aller Kanone. Ich wußte auch, wie Ceausescu dort haust und sich benimmt. Bei uns war das viel gemäßigter. Alle, die heute die DDR so verdammen, wissen ja nicht, daß – gerade in Berlin – niemand ein Blatt vor den Mund nahm. In Rumänien war das gar nicht möglich, das Spitzelwesen war ganz extrem.
Der Personenkult und die schönfärberische Propaganda in Rumänien waren ebenfalls extrem. Wie sah die reale Einstellung der Menschen zu diesem System aus?
Es gab überhaupt keine Begeisterung – weder bei Intellektuellen, noch bei Arbeitern oder Bauern. Die Arbeitsmoral war gleich null. Es gab schlimme Szenen, wenn der Geheimdienst gegen die Leute vorging. Ein befreundeter Ingenieur wurde 1984 auf eine Anzeige hin wegen Homosexualität verhaftet. Er wurde gefoltert, täglich auf die Fußsohlen geschlagen. Er sollte andere Leute als homosexuell denunzieren. Dann hat man einen Schauprozeß gemacht und ihn zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ein Vierteljahr später kam er frei. Das war typisch in Rumänien, auch bei Wirtschaftsvergehen. Da wurden Menschen hart verdonnert und gedemütigt. Dann wurden sie entlassen, unter strengsten Auflagen.
Ceausescu und seine Frau wurden Weihnachten 1989 hingerichtet. Was hat das bei Ihnen für Gefühle ausgelöst?
Ich empfand das als völlig angebracht und gerecht. Ja, ich habe darüber große Genugtuung empfunden. Für mich war es ein Triumph, als es im Oktober 1989 dort endlich losging mit dem Aufstand. Ich hatte Freunde in Arat, der drittgrößten Stadt Rumäniens, wo es auch Tote gab. Ich war sehr glücklich, als ich auf Umwegen endlich erfuhr, daß alle am Leben waren.
Sofort machte ich mich auf den Weg nach Rumänien. Von Berlin bis Budapest war der Zug völlig überfüllt. Dann war ich plötzlich allein im Abteil. Da kam ein ungarischer Schaffner herein: »Mein Herr, der Zug fährt gleich weiter. Das Auffanglager ist ganz in der Nähe.« Ich machte ihm klar, wohin ich wollte. Seiner Miene sah ich an, daß er mich für komplett verrückt hielt.
Von Peter Steiniger. Quelle: http://www.jungewelt.de/2009/11-21/001.php
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Diesen Artikel habe ich mit großem Interesse und zunehmender Verwunderung gelesen…. erzählt er mir doch Dinge über mein Heimatdorf, mit dem ich noch heute eng verbunden bin, die mir “mein” Golzow in völlig neuem Licht zeigen….
Ich habe 1958 bis 1968 die dortige POS besucht und Herrn Zentgraf als Lehrer sowie auch als Nachbarn kennengelernt…. Sicher, jeder hat so SEIN Bild der Vergangenheit und besonders auch SEIN Bild der “Rolle”, die er “gespielt” hat…
Fakt ist aber, dass der “Kirchenkampf”… (Dieser Begriff bezeichnet übrigens den Kampf in der Zeit des Nationalsozialismus, die späteren Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche tragen, wenn so verwendet, nicht zu Unrecht Anführungsstriche )…. sich so nicht zugetragen haben kann! Von der Kirche stand nach dem Krieg kaum ein Stein auf einem anderen, geschweige denn der Glockenturm in so einer Qualität, dass der Pastor samt seiner Frau ihn zum Schutz hätten erklettern können…
Wenn die Erinnerungen anfangen, GeschichteN zu werden, darf man sie nicht als Geschichte verkaufen! ….die anderen Orte, an denen Herr Zentgraf “Klingelseile gezogen hat” kenne ich nicht, er wird verstehen, dass ich nun auch diese Aussagen eher als GeschichteN verbuche… übrigens “Die Kinder von Golzow” ist eine tolle Quelle für Recherche zur GeschichtE, die Regisseure sind Barbara und WINFRIED Junge.
Für eine Veröffentlichung kommt mein Kommentar zu spät, aber vielleicht läßt sich meine Mail an Herrn Zentgraf weiterleiten.
Für die JUNGE WELT: Vernachlässigen Sie die Recherche nicht, wäre schade um das Potential!
Mit fröhlichen Grüßen
Almut Rehfeld